16. Jazztival im Lalu spannt den Bogen von Hameln über Hannover bis in die USA

Dreiklang der Superlative
Von Ernst August Wolf
HAMELN. Die Besucherin am Tisch in der zweiten Reihe ist hingerissen. „Was für eine geile Mucke“, entfährt es ihr. Für Jazzfans ist das „Jazztival“ in der Traumfabrik Lalu im Hefehof längst Kult. Schließlich sind hier schon Jazz-Ikonen wie etwa Klaus Doldinger zu Gast gewesen. „Auf die Mischung und das richtige Händchen kommt‘s an“, sagt Ute Fehn, die die Veranstaltungsreihe als Chefin des Landschaftsverbandes fördert. Dass neben nationalem und internationalem Spitzenjazz auch die heimische Szene mithalten kann, beweisen einmal mehr die Amateure der „Winterband“, die den Jazz-Dreiklang im Lalu eröffnen. Forstamtsleiter Ottmar Heise überrascht mit seinem Bass-Spiel ebenso wie die leicht vergrippte Whiskystimme von Sänger und Drummer Jürgen Kalms. Der weißbärtige Stephan Müller-Scheffsky und der hannoversche Mediziner Eckhard Gehde verzaubern das rappelvolle Lalu mit fetzigen Soli, bei denen Gehde unüberhörbare Anklänge an Jimmy Hendrix macht. Nach rockigem Blues dann neu interpretierte Titel des Mainstream-Jazz aus der Hardbop-Ära. Der hannoversche Star-Saxophonist Stephan Abel und der grandiose Pianist Elmar Braß lassen mit spürbarem Spielwitz Klassiker in neuem Gewand samt hinreißenden Improvisationen, begeisternden Soli und originellen Eigenkompositionen den Jazz der 50er und 60er Jahre auferstehen. „Das sind alles eigenständige Beiträge und nicht bloß Vorgruppen des Hauptacts“, fasst eine Besucherin den abendlichen Jazz-Dreiklang zusammen. „Da ist für jeden etwas dabei. Alles kleine Konzerte in sich, eben wie bei einem Festival.“ Mit großer Spannung und Vorfreude erwartet dann Detroit Gary Wiggins und Band, dessen Musik den Bogen über den großen Teich spannt und das Publikum im Lalu mit herrlichen Soli mitreißt. Übertroffen dann freilich doch von einer Dorrey Lyles, die mit ihrer Interpretation von „Summertime“ sofort die Herzen der Jazz-Fans erobert. Spätestens aber bei „A Natural Woman“ wird Lyles Stimme zu einem Naturereignis, einem Stimmvulkan, der die Mauern des Lalu erzittern lässt. Die 58-jährige Gospelsängerin, die schon mit verschiedenen Gospel-Chören durch ganz Europa getourt ist, gehört zu den weltbekannten „Weather Girls“ und ist Gewinnerin des „Best Gospel Award“, der einzigen landesweiten Auszeichnung dieser Art in den USA. Offensichtlich komplett von der elementaren Wucht dieser Ausnahmestimme überrascht, fallen die Versuche der Sängerin, das Hamelner Publikum zum Mitmachen zu bewegen, allerdings eher bemüht aus. Das jedoch dankt mit tosendem Applaus für ein Festival, das durch eine kluge und gelungene Mischung ganz unterschiedliche Stile zu einem überzeugenden Gesamtkonzept zusammengeführt hat. „Die Hamelner Jazz-Szene lebt und braucht sich nicht zu verstecken“, sagt Jobst Walter Dietz. Das „Jazztival“ sei in Fachkreisen überaus bekannt und die Wünsche, hier im Hamelner Lalu aufzutreten, überträfen die Möglichkeiten bei Weitem. „Da müssen wir auswählen“, sagt Dietz. Dass der Jazzkenner dafür ein Gespür hat, hat er mit der 16. Ausgabe des „Jazztivals“ einmal mehr bewiesen. Montag, 29. Oktober 2018 Dewezet Hauptausgabe