Frontsänger der „Prinzen“ Sebastian Krumbiegel stellt Autobiografie vor

HAMELN. Mut, das sei so ein großes Wort. Oftmals sei er überhaupt nicht mutig gewesen, ganz im Gegenteil. Durch die Lesung der Autobiografie von Sebastian Krumbiegel zieht sich ein roter Faden aus Bescheidenheit und Reue. Die Besucher des spärlich besetzten Kulturzentrums „Lalu“ im Hefehof lauschen im Rahmen des Hamelner Forums der VHS aufmerksam den teils lustig-lockeren, teils schmerzlich-ernsten Geschichten aus dem Leben des 50-jährigen Popstars, der pauschal jeden duzt, der sich nicht dagegen wehrt. Es scheint, als wolle er bei der Lesung seiner Autobiografie „Courage zeigen“ in erster Linie vermeiden, sich als Helden darzustellen. Erst an zweiter Stelle folgt sein aufregendes Leben als Popstar, an dritter sein Engagement gegen Rechts und für mehr Courage. Zirca zwei Stunden erzählt der gebürtige Leipziger von Geschichten zwischen Knabenchor und Kneipentour. Und dem Mauerfall. Für ihn als gebürtiger Leipziger ein sehr bewegtes Thema, welches ihn hauptsächlich dazu veranlasst, den Titel des Helden abzutreten, denn auf den 9. Oktober 1989 blickt er mit gemischten Gefühlen zurück. Einerseits sei er froh, dass die Sache so gut ausgegangen sei, andererseits reumütig, dass er nicht an der großen Demonstration teilgenommen hat. Die Angst vor der angedrohten „chinesischen Lösung“ – der gewaltsamen Auflösung der Opposition – war einfach zu groß, und so blieb Krumbiegel der letztendlich friedlichen Revolution fern – was ihm der Schlagzeuger seiner Band „Die Prinzen“ noch heute vorhält. Nicht nur der Mauerfall beschäftigt ihn mit Blick auf seine Heimat, auch 27 Jahre später schämt er sich für so manchen politischen Zustand. Gemeint sind Pegida und gewaltsame rechtsmotivierte Übergriffe, die bis heute zwar nicht ausschließlich, jedoch erschreckend häufig im „Osten“ auftreten. Doch Krumbiegel weiß: „Scham allein reicht nicht. Jeder einzelne ist verantwortlich, seine Stadt sauber zu halten.“ Und so engagiert er sich nicht nur in etlichen humanitären Einrichtungen, sondern auch in Organisationen, die sich gegen Gewalt und Rassismus aussprechen. Bei allem Kampfgeist macht Krumbiegel stets den Eindruck eines harmoniesüchtigen, lustigen Zeitgenossen. „Ich möchte euch heute Abend in erster Linie unterhalten. Aber es gibt nun mal Themen, die harter Tobak sind.“ Eine willkommene Abwechslung von den ernsten Themen sind die musikalischen Einlagen am lalu-eigenen Klavier, bei dem das Gesangstalent Krumbiegel einmal mehr beweist, dass er auf die großen Bühnen Deutschlands gehört wie die Frauenkirche nach Dresden. Auch der eine oder andere Lindenberg-Cover-Song ist dabei, schließlich machten die beiden Vollblutmusiker 1992 in einigen Städten gemeinsame Sache, Sebastian nennt diese Zeit bis heute die „Udo Underberg Tour“, der Name war Programm. Mindestens ebenso unterhaltsam ist die Geschichte aus seiner Schulzeit, als er in einem rebellischen Akt an die Haustür seines Schuldirektors pinkelte und in flagranti von selbigem erwischt wurde. „Um euch nicht allzu freudig in den Abend zu entlassen, erzähle ich euch noch eine andere Geschichte.“ Es folgt die Chronik des Abends, an dem Sebastian Krumbiegel in einem Leipziger Park von Neonazis zusammengeschlagen wurde, wie er einem der beiden Täter verzeihen konnte und mit sich selbst wieder Frieden gefunden hat. Am Ende des Abends verrät er, warum Verzeihen nicht nur anderen helfen kann: „Es ging nicht darum, dem Typ einen Gefallen zu tun. Die Aussprache hat mir meine Angst genommen.“ Dewezet 13.04.2017