Merseybeat kennt keinen Ruhestand

The Untertakers, The Mojos und Lee Curtis – Liverpooler Urgesteine rocken im Lalu
Von Martin Jedicke @ Dewezet 18.05.2009 Hameln.

Anfang der Sechzigerjahre fehlt es der Arbeiterstadt Liverpool nicht an Vergnügungsmöglichkeiten. Die Tanzsäle jedoch stehen für Sittsamkeit und Restriktion. Nichts für junge Leute, die eigene Wege gehen wollen. Auch in der Musik. Bands werden gegründet, Veranstaltungsorte gesucht, Verstärkeranlagen aufgebaut, bald begehren lange Schlangen Wartender um Einlass. Zeitweilig buhlen 350 Gruppen um deren Gunst, darunter die Beatles, die Mojos und die Undertakers. Sie bespielen den Cavern Club. Während die Beatles die Popwelt revolutionieren, bleiben die Mojos und die Undertakers ihrem Sound treu. Im Lalu beweisen sie eindrucksvoll, dass mit 66 Jahren das Leben tatsächlich erst anfängt. Während The Mojos im Rhythm’n’Blues und frühen Rock’n’Roll zu Hause sind und sich gern bei Chuck Berry bedienen („Never Can Tell“, „Sweet Little Sixteen“), aber auch den am River Mersey entstehenden Pop in Nick Crouchs Jingle-Jangle-Gitarrensound erkennen lassen, erweisen sich The Undertakers als überzeugendste Band des Abends. „Early In The Morning“ offenbart, dass diese Musik im Gospel ihren Ursprung hat. „Please Don’t Touch“ rockt, „Poison Ivy“ von den Coasters bietet mehrstimmigen Gesang, und „Do You Wanna Dance“ bringt Bewegung unter die 200 Gäste. Der Moody-Blues-Schleicher „Nights In White Satin“ erhält ein eigenständiges Arrangement, und der bescheidene Hit „Just A Little Bit“ darf nicht fehlen. Nicht nur in dem Instrumentaltitel „The Night Train“ stellt sich Jones als hervorragender Saxofonist vor. Und ist ein Scherzkeks, wenn er „How are you?“ durch das Mundstück fragt, um dies mit einem Nebelhorn-Ton selbst zu beantworten. Natürlich sind da die Anekdoten. Eine Zeitung vertauschte vor 50 Jahren den ursprünglichen Bandnamen in einer Konzertankündigung mit dem Schriftzug aus der nebenstehenden Anzeige des Beerdigungsinstituts „The Undertakers“. Umrahmt werden die Merseybeat-Legenden von der Coverband Heart to be, die vorhersehbares, aber kompetent dargebotenes Material von Stones bis Kinks, von E.L.O. bis Quo präsentiert und mit „Locomotive Breath“ Vorfreude auf das Jethro-Tull-Konzert im Juni weckt. Lee Curtis, in Hameln kein Unbekannter, beschließt den Abend weit nach Mitternacht, am Ende in einer Jamsession mit allen Musikern. Man muss schon den späteren Elvis mögen, um die Vokalmanierismen des 69-jährigen Presley-Fans zu goutieren. So geraten Balladen arg kitschig, Rock’n’Roll-Nummern wie „Route 66“ gelingen weitaus besser. Elvis-Posen, Lasso-Kreisen, Tanzeinlagen im Publikum, der Mann lässt nichts aus. Man ist an diesem Samstagabend Mitglied einer großen Musikerfamilie, die die IG Beat nach Hameln holte.