Mit seiner Mischung aus Literatur und Varieté amüsierte Comedypreisträger Marcus Jeroch im Lalu

Von Ernst August Wolf
© Dewezet 22. Februar 2009 Hameln

Wer noch immer unter dem Trauma seiner Schulzeit leidet und Lyrik als eine trockene, langweilige Angelegenheit betrachtet, dem sei ein Besuch von Marcus Jerochs Wort-Varieté wärmstens empfohlen. Der 1964 geborene Hamburger mit der Struwwelpeter-Frisur ist Kabarettist, Lyriker, Clown und Jongleur in einer Person. Im gut besuchten Lalu präsentierte der Träger des Deutschen Comedypreises 1998 lyrisch-dadaeske Wort-Jonglagen und atemberaubende Sprachakrobatik. Mitunter in einem Tempo, das einen rumänischen Hütchenspieler vor Neid hätte erblassen lassen („Ham’ses, Sie müssen schon aufpassen!“). Faszinierend seine Sprachdemonstration, wie viele Buchstaben ohne Beeinträchtigung des Sinns fortgelassen werden können, verblüffend originell Jerochs kürzeste Gedichte („Die Vase, das wa’se“), absolut berechtigt sein Protest gegen das „literarische Gegründele“ der schulischen Lyrik-Sezierer und ihr ewiges „Was will uns der Dichter damit sagen?“ Solch „literarischem Verrat“ setzt Jeroch seine ganz im Stil Friedhelm Kändlers und Ernst Jandls gehaltene „WoWo-Ethik“ entgegen, eine sprachspielerische Vorform des Schwittersschen „Dada“. Ernst Jandl, Friedhelm Kändler und Daniil Charms sind Jerochs wichtigste Textquellen, liefern den Rohstoff, den er in einem Wort-Varieté sondergleichen aufbereitet und inszeniert. Ein ums andere Mal verblüfft Jeroch sein Publikum mit sprachlichen Verfremdungen, zaubert Zusammenhänge hervor wie ein Sprach-Magier, jongliert nicht nur mit fünf gelben Tennisbällen überaus sicher, sondern wirbelt vor allem in einem überwältigenden Silben- und Reimschwall über die Bühne. Auch die (sprach-)philosophische Ebene fehlt nicht, Jeroch reimt wie ein Heinz Erhardt für Intellektuelle, mit Tief- und Hintersinn, und enthüllt, dass wir zwar älter aber keineswegs klüger werden, und dass „das Scheitern allemal die Freiheit wert ist“. Marcus Jerochs virtuose Wort-Akrobatik „Höher hören“, ein Vergnügen der Querdenkerei, voll Nonsens und fein versteckter Philosophie. Ein Wortspektakel mit Anspruch und Spaß, Sinn und Unsinn, Witz und Wahn.