Gebrauchslyrik aus der Muckerwerkstatt

Johanns Emmel (links) und Boris Bornhof

Dabei: Eigentlich hätte es vorwiegend Erich Kästner sein sollen, den die zwei zu Gehör bringen wollten. Nach Querelen um Urheberrechte mit einem Kästner'schen Nachkommen allerdings mussten sie umdisponieren - auf Kurt Tucholsky. Gelohnt hat sich das allemal. Tucholsky, der besonders dem Lumpenproletariat in Berlin aufs Maul geschaut hat, ist einfach zeitlos. "Ich bring's zu nichts" war das Tucholsky-Stück, mit dem Bornhof und Emmel den Abend eröffneten, gefolgt von dem Lied über die Karrieren, die "durch den Hintern" gehen, ein Song über Opportunisten, wobei der Begriff Song eigentlich nicht trifft. Tucholsky war eher ein Poet des Alltags, ein Vorgänger der späteren Liedermacher, oftmals kritisch, oft aber auch mit einem Augenzwinkern, beispielsweise in dem Lied über den "Kümmerer", der nach Bornhofs Meinung - er führte durch diesen Abend - "vegetarisch liebt". Deutlich zu spüren: Die beiden Musiker, der eine Lehrer, der andere Steuerberater im Hauptberuf, haben viel Spaß an ihrer Arbeit, verstehen sich auf Zuruf oder einfaches Nicken. Kein Wunder, stehen sie doch seit rund 30 Jahrzehnten in wechselnder Formation auf der Bühne, in Hameln unter anderm auch bekannt als die "Vaganten". Da macht es auch nichts, wenn Emmel für Sekunden mal textschwach wird - ein Lächeln überspielt mühelos die kleine Panne, und schon geht es weiter getreu dem Motto des Abends: "Locker vom Hocker". Tucholsky also, und das rund zwei Stunden lang. Doch auch Bertolt Brecht und seinem "Himmel wie Opal" erwiesen die zwei ihre Reverenz, ebenso dem Österreicher Georg Kreisler ("Politicker") oder Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicky. Dass dem Publikum die allermeisten der 22 Lieder (von denen wiederum viele von "Beziehungskisten" handeln) vertraut waren, zeigte sich immer wieder; dass die Interpreten zu überzeugen wussten, zweigte schließlich ein beinahe nicht enden wollender Applaus und mehrere Zugaben, die erst beendet wurden, als die beiden Künstler zum (wohlverdienten) Glas Rotwein griffen. Ach übrigens, wer hätte das zum Schluss gedacht? "Weinländer sind von Natur demokratischer."

© Dewezet, 25.02.2002