Frech, weich und bilderreich - eigenes Chanson-Genre in Platt (19.03.2001 / Dewezet)

Begleitet von ihrem Pianisten Andy Mokrus (Saxophonist Lothar Krist fiel leider wegen Krankheit aus) öffnete sie, nach Probeläufen in Hannover und Bad Pyrmont, diese Wundertüte. Mit eigenen Texten enthüllt Traute Römisch Kindheitserinnerungen und Zeitgeist, kommt natürlich nicht am Thema Liebe vorbei. Das Plattdeutsche ist dabei nicht folkloristische Masche, sondern Schutz vor platter Intimität und Chance für ungewöhnliche Bilder, die sie mal frech und kodderig und dann auch wieder ganz weich und zärtlich malt: "Leev as'n Appelkoken" - nahrhaft und nicht so labberig wie ein Hamburger, doch wenn die mal vergeht, dann randalieren "Brummers in' Buuk". Sprechgesang wechselt sich mit Harmonien ab, wenig Gereimtes, dafür Rhythmus und Rap (Du schnackst toveel), und wenn dann doch mal heiter geschunkelt wird (Hagebutten in Appelboom), dann rufen harsche Töne rasch zur Ordnung. Traute Römisch hat ein ganz eigenes Genre kreiert. Man lauscht den Strophen nach und meint manches schon zu kennen: "Ist das nicht ..?!" - Und genau in dem Moment geschieht ein Bruch und es ist doch nicht die Knef und nicht Lale Andersen und auch nicht die Seeräuber-Jenny oder gar "Mien Jehann" - sondern Traute Römisch: frech und furchtsam, sehnsüchtig und abgeklärt, philosophisch und moralisch, und das alles immer gleichzeitig.

Die Musik stammt von Andy Mokrus, bei zwei Titeln von Lothar Krist und bleibt auf die beiden Instrumente Piano und Saxophon beschränkt. Und auch hier vollzieht sich Chanson: Bilderreich und unerwartet fließt Musik um den Text, entsteht nahtlos aus dem Gesang und wird zum Blues, zum Jazz, zum Rock. Klassisches knüpft an Klezmer-Weisen an und passt in keine Schublade, ist genauso ambivalent wie die Empfindung im Text. Die beiden Musiker begleiten nie statisch. Immer gehen sie auf die Phrasierung der Sängerin ein, bieten ihr rhythmische und stilistische Ideen an, lösen sie ab zu solistischen Strophen oder ziehen sich vorsichtig zurück. Dadurch entsteht dann ein so herrliches Anti-Depressivum wie das "Novemberleed", eine sinnende Ballade "Kann nich ween" oder die böse Abrechnung mit Mister Wichtig: "Du schnackst toveel!" Eine CD mit dem Anspruch eines Life-Auftritts, sperrig und kantig und voller Überraschungen. Eine Wundertüte eben. Und: keine Angst vor der "Fremdsprache"! Die CD "Wunnertüten" wird in ausgewählten Hamelner Verkaufsstellen erhältlich sein (Information folgt).