Barrieren brechendes Hörerlebnis: Rebekka Bakkens Weltensprünge Tiefgründig, sprudelnd, aufregend: Die "Dewezet-Nachtausgabe" im Hefehof

Die Norwegerin Rebekka Bakken lässt sich in keine Schublade stecken - dazu ist ihre Musik viel zu abwechslungsreich. Foto: Wal

(Dewezet 10.03.2005)
Von Jens Meyer

Hameln. Sie flüstert, sie kreischt, sie singt kraftvoll und doch so unfassbar sanft, so als wenn sie bis an die Grenzen des Machbaren reichen wolle. Rebekka Bakken ist Norwegerin und ihre Welt des Jazz, die so rein und kühl wie das Wetter Skandinaviens scheint, geht weit über das hinaus, was auch nur im Geringsten mit Jazzmusik zu tun hat. Rebekka Bakken macht mit ihrer Stimme, was sie will. Sie und ihre vier musikalischen Weggefährten verstehen es, mühelos und ohne im Hauruckverfahren von einem Genre ins nächste zu wechseln. Rock, Pop, Blues, Western, Independent-Music, Fusion-Jazz - wer einzuordnenversucht, wird scheitern. Rebekka Bakken ist das Ende allen Schubladendenkens.

So wird diese "Dewezet-Nachtausgabe" in der Traumfabrik 260 Zuhörern lange in Erinnerung bleiben. Im Stile einer Joni Mitchell sang die Bakken von den guten Männern, die sich immer in die Drachen verlieben ("Why do all the good guys get the dragons"), hauchte "Just a little moon" in Richtung ihres fast starr vor Bewunderung zur Bühne blickenden Auditoriums und inszenierte das "Virgin's lullaby" ganz und gar nicht jungfräulich. "Is that you?" heißt Rebekka Bakkens neues, zweites Solo-Album, das sie jetzt auf einer Europatournee vorstellt, und im ausverkauften "Lalu" tat das die Wahl-Wienerin mit fast unnahbarem Charme und großer Hingabe.

Die junge Sängerin mit der kühlen Erotik bricht alle musikalischen Dämme zwischen Rock, Jazz und Independent, lässt sich und ihre Zuhörer wie aus heiterem Himmel von einem Gegensatz zum anderen fallen. Nichts von dem, was die erwarten, die da lauschen und staunen, macht Rebekka Bakken wahr. Die Musikerin, die sich - man mag's ja kaum glauben, aber es ist so - von Bob Dylan hat inspirieren lassen, macht ihre tiefgründigen musikalischen Grenzerfahrungen zum Barrieren brechenden Hörerlebnis.

Das funktioniert selbstverständlich nur mit einer Gruppe im Rücken, die auf dieser Reise ins musikalische Gefühlsgewusel mal beschleunigt, mal ausbremst, die Spuren wechselt und für freie Fahrt ins nächste klangliche Wunderland sorgt. Jeden einzeln holt Rebekka Bakken dann auch mehrmals ins Rampenlicht, belohnt jeden der vier Männer - Martin Koller (Gitarre), Takura Nakamura (Piano, Keyboards), Dieter Ilg (Bass) und Jojo Mayer (Schlagzeug) - mit einem zum Küssen schönen Lächeln. Und die wissen, dass es das Lächeln des Mundes ist, aus dem diese, eine einzigartige, virtuose Stimme in ihren so unterschiedlichen Facetten sprudelt, die sich wie ein warmer Sommerregen auf die Welt legt. Eine Welt, die Rebekka Bakken am vergangenen Dienstagabend in Hameln zu Füßen liegt. So prasselte es weiter hernieder, mit "Even if you buy me thousand cars" und "As long as there is a voyage away", "Going home (is a lonely travel)" und "Is that you". Nach fast zwei Stunden mündet das Konzert in einen langen Applaus, den sich die Akteure verdient haben. Und es bleibt bei allem Respekt die Erkenntnis, dass Rebekka Bakken das aufregende Gegenstück zur gepflegten Langeweile einer mit Preisen überhäuften Norah Jones ist.

Im Jahr 2003 veröffentlichte Rebekka Bakken ihr Debütalbum "The Art Of How To Fall", jetzt steht der Nachfolger "Is that you?" in den Plattenläden.