Frech, frivol und herrlich schräg: Kabarettistin Simone Solga zog bei der Dewezet - „Nachtausgabe“ temperamentvoll vom Leder. Foto: Dana

Dort, wo früher Backhefe für ganz Deutschland produziert wurde („Manchmal tropfte etwas auf den Boden, den Sie hier im Original sehen!“), werden heute vor allem Dienstleistungen erbracht – teilweise ebenfalls für bundesweite, in einigen Fällen sogar für weltweite Kundschaft. So exportiert die junge Firma Electronic Wood Systems – Mieter im Technologie- und Gründerzentrum (tgz) – 90 Prozent ihrer Produktion; das sind vor allem elektronische Messanlagen für die Spanplatten-Herstellung.

Die 120 Mitarbeiter im Call Center des BHW beantworten aus dem Hefehof heraus pro Jahr 500 000 Anrufe und zehntausende E-Mails von Bausparern. Die Firma OPP TEC erdenkt in dem historischen Industrie-Ambiente staubfreie Räume für Hochtechnologie-Unternehmen. First AEC im ersten Stock der früheren Jugendwerkstatt versucht als Vertriebsfirma für Bau-Software an die anfänglichen Erfolge der mb Software AG anzuknüpfen. Im Erdgeschoss bereiten sich derweil die Zahnärzte Dr. Gaby Vollen thun und Dr. Frank Friedrich auf die Eröffnung ihrer lichtdurchfluteten Praxis am 26. April vor; sie sind bereits für drei Monate ausgebucht. Der Steuerberater Sticher hat im Hauptgebäude ein, so Dietz, „in dieser Form bis Hamburg einzigartiges“ Groß-Büro eingerichtet – mit einer Galerie über der halben Grundfläche und einer kunstvollen Innenarchitektur.

Simone Solga darf das. Die gebürtige Leipzigerin und Wahl-Münchnerin, die Ensemble-Mitglied bei der Münchner Lach- und Schießgesellschaft ebenso wie bei der Leipziger Pfeffermühle war und schon diverse Kleinkunstpreise einheimste, begeisterte am Montagabend in der Dewezet-„Nachtausgabe“ im Hefehof-Lalu mit ihrem Programm „Perle mit Zündschnur“.

Frech, frivol und schräg, mal derb und laut, mal leise und poetisch und immer wieder mit rabenschwarzem Humor erzählt, krakelt, tanzt und singt die Kabarettistin mit der nimmermüden Kodderschnauze ihre aberwitzigen Geschichten von Frust und Lust, schwulen Ponys und seltsamen Klunker-Kranichen, Kühltruhen und Leichen im Keller, levantinischem Geschäftsgebaren, einem aserbaidschanischen Koch und, natürlich, von ihrem Restaurant, wo die Schulden proportional zu den ausbleibenden Gästen wachsen. Da hilft nur noch die Entspannungs-Nummer „Nasser Lappen“, Russlands Antwort auf asiatischen Wellness-Wahnsinn. Und wenn dann die quirlige Blondine mit den winzigen Füßen („Versuchen Sie mal Schuhe in Größe 34 zu kriegen“) vehement über die Gründung einer Ich-AG nachdenkt, um die eigenen Organe gewinnbringend zu vermarkten, dann geht''s richtig zur Sache. Was braucht Frau schließlich Eierstöcke, wenn sie keinen Mann hat? Knallharte Satire, bei der sich Perle an Perle reiht und Wortwitz funkelt. Höhepunkte des gut zweistündigen Programms: ein scharfer Bush-Schröder-Stoiber-Hass-Rap und pralles Politkabarett der Spitzenklasse.

Simone Solga kann''s. Sie rupft Doris und Gerd ebenso gnadenlos wie den Papst, Gott und die Welt, setzt pointierte Versprecher, jongliert mit Worten, reiht geschliffene Gags aneinander, gibt gesamtdeutschen Befindlichkeiten Pfeffer, ist mal von sündiger Laszivität, mal von anrührender Verletzlichkeit, ist explosives Dynamit und ein Fegefeuer auf der Bühne. Den roten Faden verliert sie dabei nicht: Flamenco – das war''s. Dessen profane Entstehungsgeschichte führt Simone Solga höchst plastisch vor: Eine schwüle Nacht, fiebrige Leidenschaft liegt in der Luft, Mücken schwirren umher und stechen. Zorn brandet auf. Klatsch. Tritt auf die Mückenleiche. Und immer wieder: Klatsch, Tritt, Klatsch, Tritt. Der Flamenco ist geboren. So einfach ist das. Am Ende: brandender Applaus für eine der ganz Großen in der Kleinkunst-Szene. Simone Solga – die muss man sich merken!